Buchrezension: „Original Gangstas“ von Ben Westhoff (Hannibal Verlag)

Ich habe es endlich geschafft und mich durch Original Gangstas gelesen, das 496 Seiten starke Buch von Ben Westhoff. Der vollständige Titel lautet Original Gangstas: Dr. Dre, Eazy-E, Ice Cube, Tupac Shakur, Snoop Dogg und die Geburt des Westcoast-Rap. Da sich nur abends und im viel zu kurzen Urlaub die Möglichkeit ergab, in dem Buch zu schmökern, hat sich das Lesevergnügen etwas hingezogen. Dabei handelt es sich hier um eines dieser Werke, die man – das Interesse an der Materie vorausgesetzt – auch in einer einzigen gepflegten Session durchackern kann. Mir zumindest fiel es schwer, das Buch aus der Hand zu legen. Danke an dieser Stelle an den Hannibal Verlag für das Rezensionsexemplar.

Das Buch beginnt mit der Geschichte des kleinen Drogendealers Eric Wright aus Compton, besser bekannt als Eazy-E, und seiner Gruppe N.W.A. Geschickt verknüpft Westhoff die Storys der einzelnen Hauptakteure mit der Entstehunggeschichte der Hip-Hop-Szene an der West Coast der 80er Jahre, mitten im Chaos zwischen Bandenkriegen, Crack-Seuche und Polizeigewalt. Natürlich liegt das Hauptaugenmerk auf den im Buchtitel genannten Namen, doch auch viele andere Künstler und Personen, denen der ganz große Ruhm verwehrt blieb, werden entweder erwähnt oder kommen selbst zu Wort. CPO Boss Hog zum Beispiel oder Laylaw, G-Funk-Originator Cold 187um von Above The Law, J-Dee, T-Bone und Shorty von Da Lench Mob, Arabian Prince, Egyptian Lover und Sir Jinx, um nur einige zu nennen. Durch diese Fülle an Persönlichkeiten ergibt sich ein außerordentlich breit gestreuter Überblick über die Gangsta-Rap-Szene rund um South Central/L.A. und die – teilweise erstaunlichen – Verknüpfungen der Akteure untereinander. Im Gegensatz zum Film Straight Outta Compton kann man Original Gangstas wirklich nicht vorwerfen, irgendjemanden benachteiligt oder gar vergessen zu haben.

Ein Auszug aus der Bilderstrecke von „Original Gangstas“

Original Gangstas ist akribisch recherchiert und mit unzähligen Details, Hintergründen und Anekdoten gespickt, wobei Westhoff diese nicht nur aneinanderreiht, sondern zu einer stimmigen Chronik der Ereignisse verbindet. Insgesamt sprach der Autor mit über 100 Involvierten, die ihm in Interviews Rede und Antwort standen, um nicht nur ein professionelles, sondern vor allem auch ein persönliches Porträt der Gangsta-Rap-Größen von der West Coast zu zeichnen. Trotz der im Rap-Game von Los Angeles und Umgebung allgegenwärtigen Gewalt, die im Tode der Ikonen Biggie und Tupac gipfelte (gewissermaßen der Schlussakt des Buches), geht es auf den fast 500 Seiten nicht nur bitterernst zu. Denn gerade schillernde Persönlichkeiten wie Eazy-E sind natürlich auch für die eine oder andere amüsante Story gut, sei es ein gerichtlich angeordneter Werbespot für die Feuerwehr, sei es sein berühmt-berüchtigter Auftritt im Bademantel in der Arsenio Hall Show.

Sehr interessant sind auch die Ausführungen zu den Beteiligten, die quasi von der Seitenlinie Einfluss auf Gangsta Rap bzw. die Rapper nahmen: die Nation of Islam taucht immer wieder auf (sowohl als spiritueller Einfluss, als Security und als Vermittlungsinstanz im „Krieg der Küsten“), ebenso die Jewish Defense League, eine in den USA als Terrororganisation eingestufte Gruppierung, die für Ruthless Records Security-Aufgaben übernahm, und natürlich die Bloods und die Crips, die nicht nur die Konzerte auswärtiger und heimischer Künstler sicherten, sondern auch einige der bedeutendsten Rap-Künstler von der Westküste zu ihren Mitgliedern zählten.

Die größten Bedenken im Vorfeld hatte ich hinsichtlich der deutschen Übersetzung – zu schlecht sind die Erfahrungen, was den Umgang mit Rap-Klischees angeht. Die negativen Erwartungen bestätigten sich jedoch nicht: Die deutsche Version, übersetzt von Paul Fleischmann, wirkt weder übertrieben noch inkompetent. Nur an Anglizismen sollte man sich nicht stören, denn es fallen auch Sätze wie „Das ist echt abgefuckt, wie ein paar Motherfucker einfach unseren Style für ihren Shit übernehmen (…)“ (übrigens ein Zitat von Cold 187um). Mir sind solche deutsch-englischen Konstruktionen aber wesentlich lieber als irgendwelche halbgaren Ersatzwörter oder – noch schlimmer – wortwörtlichen Übersetzungen.

Das Fazit: Wer sich für die Anfänge des Rap von der West Coast interessiert, der kommt an diesem Werk schon mangels Alternativen nicht vorbei – auch hartgesottene Westküsten-Gs mit dem absoluten Plan und Zweitwohnsitz in L.A. entdecken hier sicherlich noch einige neue Fakten. Abgesehen davon macht das Lesen einfach Spaß, umso mehr natürlich, wenn man mit der Musik der erwähnten Personen aufgewachsen ist. Ich kann allen Hip-Hop-Fans die Lektüre des Buches nur wärmstens ans Herz legen, für alle erklärten Anhänger des Westküsten-Rap ist Original Gangstas sowieso Pflicht.

Original Gangstas: Dr. Dre, Eazy-E, Ice Cube, Tupac Shakur, Snoop Dogg und die Geburt des Westcoast-Rap ist im Hannibal Verlag erschienen und kostet 24,99 EUR, hier könnt ihr die deutsche Version kaufen. Wer das Buch lieber auf Englisch lesen will, der findet hier die Original-Version für 14,99 EUR.

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