Straight Outta Compton (2015) – das Review zum Film

Scan von Genevan Heathen

Ice Cube, DJ Yella, Eazy-E, Dr. Dre, MC Ren / Scan von Genevan Heathen

Ich weiß, ich bin spät dran. Straight Outta Compton läuft schon mehrere Wochen – auch in Deutschland – ungeahnt erfolgreich in den Kinos, Sequels, Prequels und andere Fortsetzungen sind im Gespräch. Trotzdem bin ich erst jetzt dazu gekommen, mir den Film reinzuziehen und meine Eindrücke niederzuschreiben, falls es noch irgendjemanden interessiert.

Zunächst zu den Formalien: Definitiv gelungen ist das Casting, die Schauspieler machen einen guten Job und können auch optisch durchaus ihren realen Counterparts zugeordnet werden, der Darsteller von Suge Knight hätte allerdings ruhig einen Kopf größer sein können. Das für so ein Projekt doch recht hohe Budget von 28 Millionen US-Dollar sieht man dem Streifen an, an Professionalität mangelt es sicher nicht. Die Länge von 2 Stunden und 25 Minuten mag etwas überdimensioniert erscheinen, geht im Prinzip aber klar, immerhin haben wir es mit einer behandelten Zeitspanne von gut 10 Jahren zu tun. Allerdings ist die Gewichtung der Themenkomplexe meiner Meinung nach nicht ganz gelungen. Der Film fängt vielversprechend mit einer Zeitreise ins Los Angeles der 80er Jahre an, einer von Crack, Reagonomics und LAPD-Rammpanzern geprägten Dekade, in der die Niggaz With Attitudes zueinander finden. Die eigentliche Geschichte von N.W.A als Gruppe endet jedoch schon nach gut der Hälfte der Spielzeit, der Rest des Films widmet sich dann in etwas gehetzt wirkender Weise der Death Row-Ära, den L.A.-Riots, nie verwirklichten Reunion-Plänen und Eazy-Es Tod. Hier wäre weniger mehr gewesen.

Forgot about Ren: hier fehlt einer

Forgot about Ren: auch auf vielen Promofotos sucht man MC Ren vergeblich

Der größte Kritikpunkt aka die größte Verarschung überhaupt ist die Darstellung von MC Ren. Oder sagen wir lieber: die Nicht-Darstellung, gestaltet sich der komplette Film doch wie ein „Wo-ist-Lorenzo?“-Suchbild. Während die anderen drei Rapper zu Beginn eine persönliche Vorstellungssequenz spendiert bekommen, ist Ren plötzlich einfach nur da, als hätte er sich irgendwie in die Gruppe hineinmaterialisiert. Kein Background, jarnüscht. Während des gesamten Films spricht er vielleicht vier zusammenhängende Sätze. Mal ehrlich: Da wird über ein Jahrzehnt lang ein N.W.A-Film angekündigt, und dann lässt man das nach Cubes Weggang wichtigste Mitglied der Truppe in der Erzählung hinten runterfallen? Geht überhaupt nicht klar. Hättest du früher einem Fan davon erzählt, dass sie einen Film über die Niggaz With Attitudes machen, der Ren nur eine Rolle am Rande zugesteht, wärst du ausgelacht worden. Shit, rap.de sah sich sogar genötigt, MC Ren in ihrer Reihe der „vergessenen Member“ von N.W.A zu porträtieren, so klein ist seine Rolle. Der Typ ist nicht Arabian Prince, er ist von Anfang bis Ende eine Schlüsselfigur gewesen, zusammen mit The D.O.C. schrieb er nahezu alle Texte für 100 Miles And Runnin‘ und EFIL4ZAGGIN… man sollte die Verantwortlichen aus den Universal Studios jagen und ihnen so lange Schellen mit einer übergroßen Ausgabe der Kizz My Black Azz EP geben, bis sie dem Villain In Black eine Spin-Off-Serie schreiben.

Die Auslassung von Ren ist also der krasse Schandfleck auf der Weste dieses Films, und die strahlt ansonsten ausgesprochen weiß. Die Geschichte schreiben bekanntlich die Sieger bzw. die Überlebenden, so ist es kaum verwunderlich, dass der Disney-Liebling Ice Cube und der Kopfhörer-Milliardär Dr. Dre hier in einem makellosen Licht erscheinen, hätte der Film sonst wohl ohne ihre Unterstützung auskommen müssen. Beide wirken hier wie grundgute Menschen ohne Ecken, Kanten oder Fehler. Komischerweise kommt selbst Jerry Heller als die Gutmütigkeit in Person rüber, der die Gruppe quasi „ausversehen“ um ihr Geld bescheißt (vorsorglich hat er aber trotzdem schon mal angekündigt, gegen die Filmemacher vor Gericht zu ziehen). Die Solokarrieren von MC Ren und Eazy-E bleiben weitgehend unbeleuchtet, der Krieg zwischen Dre und Eazy findet im Film überhaupt nicht statt, obwohl er zu den verbissensten und spannendsten Beefs der Westcoast-Geschichte gehört. Das grimmige 91er-Werk EFIL4ZAGGIN von N.W.A, eine der härtesten LPs jemals, wird ebenfalls mit keinem Wort erwähnt. Das ist einerseits verwunderlich, da es nicht nur das letzte Album der Gruppe darstellte, sondern auch als erstes Hardcore-Rap-Album überhaupt die Spitze der Billboard 200 erklomm. Andererseits hätte schon die bloße Erwähnung dieses Albums das im Film zur Schau getragene Saubermann-Image konterkariert, wenn man sich die nicht nur extrem gewalttätigen, sondern die im Vergleich zu den Vorgängern auch exzessiv frauenfeindlichen Texte zu Gemüte führt. Wäre beispielsweise Dres Verse aus One Less Bitch im Film auch nur angespielt worden, hätte man genausogut eine Sequenz einbauen können, in der er Dee Barnes und Tairrie B in Zeitlupe und unterlegt von California Love die Fresse poliert.

Zu den positiv hervorzuhebenden Details gehört auf jeden Fall die Berücksichtigung von The D.O.C., dessen tragischer Unfall ebenfalls thematisiert wird, auch der (kurze) Auftritt von Above The Law gefällt (beim New Music Seminar in New York prügeln sie sich mit Ice Cubes Lench Mob). Ice Cubes erste Gruppe C.I.A. wird zumindest am Rande erwähnt (I’m in this other group wit Jinx). Sogar Suge Knights Vorliebe, seine vermeintlichen Feinde bis aufs Äußerste zu demütigen, scheint hier durch – es gibt da eine Szene im letzten Drittel des Films, in der ein geschundener Muskelmann in Suges Folter-Lounge gezwungen wird, auf Death Row und die Westcoast anzustoßen. Die Szene bezieht sich auf ein Ereignis im Jahre 1995, das Opfer ist ein mit Puff Daddy verbündeter Plattenpromoter aus New York City und die gelbe Flüssigkeit im Sektglas ist kein Sekt.

Straight Outta Compton ist natürlich in erster Linie als Unterhaltung gedacht, und so sind einige Szenen aus rein dramaturgischen Gründen entstanden, ohne eine Basis in der Realität zu haben – so wie die Show mit anschließender Verhaftung in Detroit, die Ice Cube in einem Interview von 1989 komplett anders darstellte. Trotzdem fallen einige Ungereimtheiten auf, besser gesagt ein paar chronologische Fuck-Ups: In seiner Studioszene ist 2Pac mit der Aufnahme von Hail Mary ein ganzes Jahr zu früh dran, der Track entstand – anders als im Film dargestellt – erst nach California Love. Auf der Leinwand „entdeckt“ Eazy-E die Gruppe Bone Thugs N Harmony erst, als er bereits auf dem Sterbebett liegt – in Wirklichkeit war er bereits ein Jahr vor seiner AIDS-Diagnose auf Bones Debüt-EP Creepin On Ah Come-Up gefeatured. Einige andere Szenen wirken aber auch schlicht an den Haaren herbeigezogen. Wer soll ernsthaft glauben, dass Dre dem übergroßen, gefürchteten Psychopathen Suge Knight und seiner Entourage aus wandelnden Gangbanger-Einbauschränken so richtig die Meinung geigt, weil sie feiern, während er und 2Pac nebenan arbeiten? Und dann einen der Bloods körperlich attackiert? Ich hab‘ da so meine Zweifel. Bei der Szene, in der Ice Cube in schönster Einfamilienhaus-Harmonie am Laptop sitzt und von seiner Frau gefragt wird, ob er schon mit dem Drehbuch zu Friday fertig sei, dürfte hingegen einem gewissen DJ Pooh im Kino der Eimer Popcorn aus den Fingern gefallen sein, verfasste er doch den Großteil der Story zum Filmhit.

Fazit

Klar guckt man als Fan aus alten Tagen genauer hin, trotzdem sollte man sich von meinem ganzen Gemecker nicht täuschen lassen. Straight Outta Compton ist ein unterhaltsames, trotz Überlänge leicht verdauliches Filmspektakel, das trotz vieler Schwächen zumindest in der ersten Hälfte gelungen ist. Und allein die Existenz dieses Films ist eigentlich Grund genug, ihn zu gucken, zu lange hat man schon auf ein professionelles Biopic gewartet, das eine Gruppe wie N.W.A porträtiert. Allzu viele neue Erkenntnisse sollte man aber nicht erwarten, wenn man die Geschichte der Gruppe schon kennt. Zudem ist es nützlich, immer im Hinterkopf zu behalten, dass es für Realismus und Fakten Dokus gibt – das hier hingegen ist ein technisch gut gemachter Hollywood-Streifen, der hoffentlich die Türen für viele weitere Rap-Biopics öffnen wird. Nach dem Riesenerfolg ist eine Fortsetzung von Straight Outta Compton quasi sicher, vorausgesetzt, Suge Knight kommt nicht vorher aus dem Knast und bringt alle Beteiligten eigenhändig um.

4 Gedanken zu “Straight Outta Compton (2015) – das Review zum Film

  1. guter Kommentar!

    Die Sache mit Ren ist schon auffällig, das stimmt.
    Die „chronologische Fuck-Ups“ sind mir zudem auch aufgefallen.
    Liege ich falsch, aber ich glaube kaum dass Dre „Let Me Ride“ vor dem Diss-Track gegen Ice Cube (Real Niggaz ==> Benedict Arnold) aufgenommen hat :-), wie es im Film gezeigt wurde.

    • Stimmt, Let Me Ride kam erst zwei Jahre später. Das ist mir im Film nicht aufgefallen, aber ich schätze, die Macher haben sich auch noch an anderen Stellen gewisse Freiheiten genommen.

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