Trägt die Alte Schule Rucksack? Von Old- und True-Schoolern, Backpackern und jeder Menge Missverständnissen

Evolution of Rap 700 Das Sommerloch rückt in greifbare Nähe, die Besucherzahlen brechen ein, ein hervorragender Zeitpunkt also, um ein bisschen zu schwadronieren. Das Thema soll heute die „Terminologie des Rap“ sein, aber weil das einen Tacken zu wissenschaftlich klingt, sagen wir einfach: Dieser Beitrag handelt von Autoren, die aus all‘ den falschen Gründen gerne Wörter benutzen, von denen sie offensichtlich keinen Plan haben

Wenn man sich die Artikel und Kommentarspalten der einschlägigen Hip-Hop- und „junger“ Musik-Medien einmal ansieht, dann wird einem beispielsweise das Wort „Rucksack“ dort häufiger begegnen als beim Outdoor-Ausrüster seines Vertrauens. Warum ist das so? Nun, nach Meinung einiger Schreiberlinge ist der Rucksack nicht nur ein praktisches Utensil zum Transport verschiedenster Dinge, nein, aus irgendeinem Grund halten sie ihn auch für ein Symbol: Es soll den ewig gestrigen, alles neue verabscheuenden, alten Werten nachhängenden, reaktionären Hip-Hop-Fan beschreiben, der alles ablehnt, was nicht wie damals ist. Was den planlosen Massenmedien der „Rüpel-Rapper“, das ist den Nachwuchsschreibern ihre nicht minder unlustige Alliteration des „Rucksack-Rappers“, wahlweise auch des „rucksacktragenden Realkeepers“ geworden. Zu allem Überfluss werden diese Begriffe dann aber auch noch völlig zusammenhangslos verwendet, um all das zu verallgemeinern, was dem gerade aktuellen Trend im Hip-Hop-Game vorausging.

Nicht falsch verstehen, ich denke nicht, dass die Bedeutung von Worten wie Backpacker / Rucksackrapper oder True Schooler zur Allgemeinbildung gehören sollte. Im Gegenteil, mir gehen solche Kategorisierungen eher auf den Geist, da sie fast immer mit irgendwelchem Schubladengestecke einhergehen. Aber zumindest die Leute, die quasi von Berufs wegen mit diesen Begriffen um sich werfen, sollten doch in Grundzügen wissen, wovon sie reden, zumal sie ihre Ergüsse auf relativ stark frequentierten Webseiten veröffentlichen.

Nehmen wir ein aktuelles Beispiel, den Beitrag Hey „True Schooler“: Eure Idee von Hip Hop ist nichts weiter als mieser Sozialchauvinismus von Nina Damsch auf Noisey. Noisey ist eines dieser Portale, wo man Artikel über Rap meist daran erkennt, dass das Wort „Rucksack“ mindestens einmal im Text vorkommt. Kurz zum Hintergrund: Der Artikel befasst sich mit dem Comeback-Track der Beginner, die es gewagt haben, Gzuz von der 187 Straßenbande zu featuren. Das veranlasste einige enttäuschte Fans, die anscheinend seit Jahren nichts besseres zu tun hatten, als auf ein Beginner-Comeback zu warten, zu einigen recht übellaunigen Kommentaren unter dem Video bzw. auf der Beginner-Fanpage auf Facebook. Was konnte man dort nicht alles lesen: „Proll-Assi“, der „Tattoo-Affe mit bushidoaler Sprachbehinderung“, „Türsteher“, „Typ im Polohemd“ (dayumn!) und ähnlich kreative „Beleidigungen“, wie man sie sich nur von einem Ex-Rap-Fan um die 40 im Zustand höchster Erregung vorstellen kann.

Die Autorin des Artikels macht diese Art von unsachgemäßer Kritik laut eigenem Bekunden wütend, da sie sich – was zutrifft – nicht gegen den Style oder die lyrischen Fähigkeiten des Featuregastes richtet, sondern allein gegen dessen Person und deren „sozialen Status“. Wieso sie ihren Text in der Überschrift aber an die sogenannten „True Schooler“ adressiert, ist und bleibt ihr Geheimnis. Ebenso, warum Sätze fallen wie „Das ist übrigens nicht das erste Mal, dass die alte Schule ihren Rucksack so fest zugezurrt hat, dass ihnen scheinbar die Fähigkeit zu rationalem Denken erschwert wurde.“ (sic!). Auch in den Tags finden sich die Begriffe „Old School“ und „True School“ wieder. Aber warum?

Wer sind eigentlich diese „Old Schooler“ und „True Schooler“?

Um das fundamentale Missverständnis, dem die Autorin hier aufsitzt, zu entlarven, müssen wir etwas weiter ausholen und uns die benutzten Begrifflichkeiten vor Augen führen. Was sind das eigentlich für Leute, diese True- und Old-Schooler, und kann man sie tatsächlich anhand des omnipräsenten Rucksacks identifizieren?

Zunächst einmal – chronologisch sinnvoll – zum Old Schooler: Als solchen würde ich jemanden bezeichnen, der Hip Hop bzw. Rap vornehmlich aus den 80er Jahren feiert. Die Cold Crush Brothers. Run DMC[1]. Kurtis Blow. Ein Old Schooler versteht Hip Hop tatsächlich noch als Kultur, als großes Ganzes, an dem MCs, B-Boys, DJs und Writer gleichberechtigt Anteil haben. In Deutschland hingegen ist mit Alte Schule zumeist die den Begiff prägende Gruppe von Hip-Hop-Artists nebst Anhang gemeint, die man damals auf dem gleichnamigen Sampler finden konnte – die Stieber Twins zum Beispiel, oder auch MC Rene, Cora E, Scopemann, Torch und Advanced Chemistry.

Auch der True Schooler ist eigentlich nicht allzu schwer zu beschreiben: Er ist weder ein strikter Anhänger der Old- noch der New School, wo auch immer man diese Strömungen zeitlich verorten mag. Er favorisiert – wen wundert’s – die True School, die Wahre Schule, die sich gewissermaßen das beste aus neuer und alter Schule rauspickt, um den originären Hip-Hop-Grundgedanken zu bewahren. Der Begriff der Realness spielt hier sicherlich eine große Rolle, Hip Hop wird als Lebensstil verstanden. Kommerzielle Klänge und Pop-Ambitionen sind tabu, es geht um die Liebe zur Sache, auch wenn Erfolg nicht unbedingt verteufelt wird, so lange man sich treu bleibt. Vertreter der True School gibt es endlos viele, auf Anhieb würde ich Artists wie Planet Asia oder die Dilated Peoples nennen, KRS-One natürlich auch… der Begriff ist quasi unüberschaubar weit anwendbar.

Der Backpacker (neudeutsch: Rucksack-Rapper) und seine Fans

Für den Backpacker muss man indes etwas weiter ausholen, versinnbildlicht er doch – wie gesehen – mit seinem Rucksack scheinbar den mies gelaunten Hip-Hopper von früher wie kein anderer Begriff. In den 80ern verstand man unter dem Backpacker noch einen Anhänger der Graffiti-Szene, der, seines Hobbys wegen auf Mobilität angewiesen, sein Werkzeug und vielleicht noch seine Musik unterwegs im Rucksack mit sich führte. Erst viel später, irgendwann Ende der 90er, wurde er auch für einen bestimmten Typus Rapper verwendet – als Rap kommerziell sehr erfolgreich zu werden begann und sich die Leute entscheiden mussten, den Verlockungen des Geldes zu folgen oder für immer Untergrund zu bleiben, wie es Savas‘ Mutter einst ihrem Sohn im Intro von Schwule Rapper prophezeite (hat nicht ganz hingehauen). Zu dieser Zeit wurde der Rucksack tatsächlich zu einer Art Symbol für die MCs, die sich die Nächte in Cyphers um die Ohren schlugen und von Bühne zu Bühne, von Jam zu Jam reisten, ohne den kommerziellen Erfolg im Blick zu haben, sondern einfach nur am Ausfeilen der eigenen Reimkunst interessiert waren. Mit der Zeit wurde der Backpacker-Begriff synonym mit der gesamten Indie-Szene gebraucht, ob die Artists nun tatsächlich Rucksäcke trugen oder nicht. Als Vorreiter der Backpack-Bewegung werden oft Company Flow genannt, was meines Erachtens nicht zutrifft, ein typischer Vertreter der Szene war eher das – mit CoFlow verfeindete – Kollektiv Anticon um Sole und Buck 65. Und obwohl dieser Rucksack-Begriff eigentlich nur sehr begrenzt auf die Verhältnisse hierzulande übertragbar ist, wurde er trotzdem schon recht früh aus dem englischen Sprachschatz übernommen, ohne dass er eine wirkliche Basis in der Deutschrap-Realität hatte.

Wer heutzutage wirklich gemeint ist, wenn mal wieder abwertend über „Backpacker“ geredet wird, ist hingegen eine bestimmte Sorte von Hip-Hop-Fans. Diejenigen, die nichts anderes tolerieren, als das, was sie für den „wahren“ Hip Hop erachteen. Die sich – häufig im stillen Kämmerlein – radikalisiert haben und den Kommerz hassen, weil Geld und Hip Hop sich für sie gegenseitig ausschließen. Daher rührt auch die Vermutung, die Backpack-Fanszene entspringe ausschließlich der weißen, gut situierten Mittel- und Oberschicht: Wer sich keine Sorgen machen muss, wo morgen das Essen herkommt, der hat genug Zeit, sich ausschließlich mit Dingen wie „Realness“ zu beschäftigen. Das sind die Leute, die ihre Idole verstoßen, wenn diese nach jahrelangem Struggle endlich den Erfolg bekommen, den sie verdienen. Menschen, die sich in ihrer Häme kaum noch eingekriegt haben, als 50 Cent letztes Jahr Insolvenz angemeldet hat.

Das Problem an der Sache

Das eben gelesene sind jetzt natürlich nur meine persönlichen Definitionen. Jeder dieser Begriffe ist dehnbar und wird vom jeweiligen Benutzer häufig so ausgelegt, wie es ihm gerade passt. Wo mir aber wahrscheinlich jeder zustimmen wird, ist der Fakt, dass es sich bei Old School, True School und Backpack-Rap um drei völlig unterschiedliche Dinge handelt. Doch das Problem an vielen Artikeln, die heutzutage erscheinen, ist die Tatsache, dass all diese Begriffe so benutzt werden, als würden sie exakt dasselbe bedeuten – nur um dann damit Leute zu beschreiben, auf die kein einziger dieser Begriffe zutrifft. Verwirrt? Ich auch ein bisschen.

Was ich meine, kann ich exemplarisch am eingangs verlinkten Artikel erläutern: Die Beginner-Fans, die sich in den Kommentaren über das Aussehen des Feature-Gastes Gzuz bzw. die Person an sich aufregen und ihn im Tenor als „asozial“ bezeichnen, sind keine Backpacker. Aus dem einfachen Grund, weil sie überhaupt keinen radikalen „Realness-Gedanken“ vertreten. Weil sie nicht kritisieren, dass Eisfeld als Jan Delay in den Charts war und Dennis Deutschland zu wenig in der Cypher rappt. Ganz im Gegenteil, jeder echte Backpacker scheißt allerspätestens seit 1998 auf die Beginner, als das erste Mal Liebeslied im Fernsehen lief. Aber besagte Beginner-Fans sind eben auch keine Old Schooler oder True Schooler. Denn sie bemängeln nicht, dass man statt Gzuz lieber einen B-Boy ins Video hätte holen sollen, dass DJ Mad nicht an den Turntables abgeht, Denyo kein Kangol-Cap trägt oder irgendwelche Hip-Hop-Werte nicht bewahrt werden.

Nein, diese nörgelnden Beginner-Fans, die ihre Negativ-Meinung in jede erdenkliche Kommentarspalte gespült haben, sind einfach nur genau das: hängengebliebene Beginner-Fans. Nicht die coole Sorte, die sicherlich überwiegt, sondern die belastende Art. Diejenigen, die vor langer langer Zeit in einer prägenden Phase ihres Lebens zu Hip-Hop-Mitläufern wurden, ihm aber den Stiefel gaben, als ihnen nicht mehr passte, wie sich die Szene entwickelte. Die sich spätestens zu der Zeit von deutschsprachigem Rap abwandten, als diese komischen Berliner an den Start kamen und tatsächlich die Dreistheit besaßen, Rap um seine bequeme Harmlosigkeit zu erleichtern. Die nie was mit Gangsta Rap anfangen konnten, außer vielleicht, er fand schön weit weg statt und wurde nicht von den Leuten gemacht, vor denen sie in der eigenen Stadt den Blick senken. Es war von vornherein völlig klar, dass dieses Klientel eventuell noch Gentleman tolerieren würde, den sie noch von damals kennen. Aber Gzuz verkörpert all das, was sie an Hip Hop hassen und schon immer gehasst haben. Das hat weder was mit Neuer noch mit Alter oder Wahrer Schule zu tun, sondern einfach nur mit der eigenen Enttäuschung einiger weniger, die nicht akzeptieren können, dass die Lieblingsband zurück ist und nicht genau dort anknüpft, wo sie vor 15 Jahren aufgehört hat. Und diese Fans hatten – wenn sie ehrlich sind – mit Hip Hop eigentlich nie wirklich etwas zu tun.

Dies zu erkennen und folgerichtig zu differenzieren, ist nicht allzu schwer. Nichts, aber auch überhaupt nichts an den im Noisey-Artikel abgebildeten Kommentaren lässt irgendwie auf True Schooler, Old Schooler und Backpacker schließen. Trotzdem wird in einer Tour mit diesen Begrifflichkeiten um sich geworfen, denn solche Beiträge funktionieren nach dem altbewährten Prinzip „Was nicht passt, wird passend gemacht“. Hauptsache polemisch, schön verallgemeinern und das ganze mit ein paar Szenewörtern mit Signalwirkung garnieren, deren Bedeutung mittlerweile so verwässert ist, dass sie eh keiner mehr versteht. Ob beabsichtigt oder nicht, solche Aktionen lassen dann doch eine starke Abneigung gegen all das vermuten, was früher war. Hier offenbart sich das Schubladendenken, das in den angeblich so progressiven Online-Medien immer verdammt wird, aber einfach viel zu krass in den Köpfen der jeweiligen Autoren verwurzelt ist. Einerseits penetrant Toleranz bezüglich neuer Trends einzufordern (was für sich genommen okay wäre), im selben Atemzug aber zwanghaft und pauschal gegen irgendwelche konfus konstruierten Feindbilder zu Felde ziehen, passt nicht wirklich zusammen, gerade wenn sich die falschen Leute auf den Schlips getreten fühlen… Respekt geben und bekommen funktioniert immer in beide Richtungen.


  1. Run DMC als Vertreter der Old School zu nennen, ist natürlich auch nicht ganz korrekt und eher eine persönliche Einordnung – ich habe den 80s-Sound aus New York schon immer als „Old School“ bezeichnet, Asche auf mein Haupt []

3 Gedanken zu “Trägt die Alte Schule Rucksack? Von Old- und True-Schoolern, Backpackern und jeder Menge Missverständnissen

  1. Vielen Dank! Alles auf den Punkt gebracht, akribisch und genau. Okay, CoFlow assoziiere ich eher mit Backpackern als Anticon, und Backpack hat sehr wohl seine Realität im Deutsch(land)-Rap. Aber… Ich denke, wenn ich den Artikel noch ein drittes und viertes Mal lese, komme ich auch noch dahinter, wie diese zwei Aussagen im Artikel gemeint sind…

  2. Vorreiter war dieser hier…

    https://www.youtube.com/watch?v=3dPDmuzmw54

    Minute 2:19… 😉

    So… Gut geschriebener Artikel – mir gehen diese kategorisierungen tierisch auf den Keks!
    Aber auf der anderen Seite sollte man auch verstehen das sich viele Menschen an GZUZ oder auch Gentleman stören… Für mich persönlich egal – höre weder AB´s noch die zwei anderen genannten.
    GZUZ ist für mich – nur der Part bei diesem Video kennend – absolut schwach. Früher mussten MC´s noch etwas können – aber das ist meiner persönlichen Meinung nach überhaupt nichts. Wie heisst es so schön – über Geschmack lässt sich streiten!

    • „Knapsack on my back“ Haha ja ich erinnere mich…

      Über Geschmack lässt sich immer streiten, gar kein Ding. Deshalb sind hier auch nur die Leute gemeint, die ihre Abneigung strikt an „außermusikalischen“ Merkmalen festmachen.

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