Ein Nachruf auf MF DOOM, den Super motherfuckin‘ Villain

Vor fast genau neun Jahren schrieb ich Everything is going according to plan: Wie aus Zev Love X der Supervillain MF Doom wurde, den ersten von vielen Beiträgen über MF DOOM hier im Blog. Zu dieser Zeit, im Januar 2012, war ich bereits lange Jahre ein Fan von Daniel Dumile alias MF DOOM, beeindruckt von seinen Fähigkeiten als MC und Producer, fasziniert von dem Mythos, der ihn umgab. An meine erste musikalische Begegnung mit seinem Werk erinnere ich mich ganz genau: Es war irgendwann um den Jahrtausendwende, und der Name MF DOOM war mir von meinen Streifzügen durch Mailorder-Kataloge und das noch recht junge heimische Internet bereits geläufig – aber irgendwas hatte mich bis dahin davon abgehalten, seiner Musik eine Chance zu geben. Bis zu dem Zeitpunkt, als mein Bruder mir den Track Hey! zeigte, den er als MP3 über Napster oder Audiogalaxy (oder was auch immer man damals benutzte, um schnell an neue Musik zu kommen) gezogen hatte.

Als zuerst das Sample von Hey! und direkt danach DOOM mit der Zeile I only play the games that I win at / And stay the same with more rhymes than there’s ways to skin cats einsetzte, war ich ein Fan. Manchmal geht es so schnell. Irgendwas an diesem düsteren Track zog mich sofort in seinen Bann: Die Lyrics, Stimme und Flow, der Beat, so etwas hatte ich bis dahin noch nicht gehört. Als ich später herausfand, dass das Sample aus der Zeichentrickserie Scooby Doo stammte, die ich als Kind geliebt hatte, war ich noch schwerer begeistert… wie konnte man ein Cartoon-Sample in ein so finsteres, fast schön bösartiges Instrumental verwandeln?

Berühmt wurde DOOM durch seine Kollabos mit namhaften Producern, insbesondere Madvillainy (2004) mit Madlib an den Boards wird von vielen als eines der wichtigsten Alben der 2000er Jahre gehandelt. Darüber scheint die Tatsache, dass er einen Großteil seines Outputs ausschließlich selbst produzierte, fast in Vergessenheit geraten zu sein. Dabei waren seine eigenen Beats essenzielle Bausteine im einzigartigen DOOM-Universum, ebenso komplex und manchmal seltsam wie seine Reime. Exemplarisch dafür steht der Geniestreich Tick, Tick… von seinem Debütalbum Operation: Doomsday (1999), auf dem er sich mit MF Grimm das Mic auf einem Beat teilt, der ständig das Tempo wechselt. Auch seine Instrumental-Serie Special Herbs sorgte in Untergrund-Kreisen für Furore und bewog so manchen MC dazu, ein Mikrophon in die Hand zu nehmen. Für mich bleiben seine selbst produzierten Werke seine besten. Green Backs, Dead Bent, The M.I.C., ?, Rhymes Like Dimes stehen alle in meinem persönlichen Buch der Klassiker.

Ob als Einzelkämpfer, auf den Beats anderer Produzenten, als Feature-Gast oder im Bunde mit seiner Crew Monsta Island Czars: DOOMs Abenteuer am Mic schafften es, auf einzigartige Weise Bilder im Kopf entstehen zu lassen – selbst wenn man nicht immer auf Anhieb einen Plan hatte, worüber er da eigentlich gerade rappte. Seine A.K.A.s wie Viktor Vaughn oder King Geedorah, unter denen er Alben veröffentlichte und sich selbst featurete, legen die Vermutung nahe, dass der Mann einfach zu kreativ für nur eine Persönlichkeit war.

Als alles im Rap-Game in die Formelhaftigkeit abzugleiten drohte, brachte der Metal Face Villain ein Stück Unberechenbarkeit zurück. Er veröffentlichte ohne Ende Musik, ließ aber auch diverse angekündigte Projekte in der Versenkung verschwinden – auf manche hoffen die Fans bis heute (das beste Beispiel ist wahrscheinlich das Album DOOMSTARKS mit Ghostface Killah, das seit 2005 aussteht). Die Maske war Teil des großen Mysteriums und machte aus ihm tatsächlich so etwas wie den ewigen Superschurken, der die Regeln des Spiels selbst bestimmte – beispielsweise dann, wenn er bei Auftritten Doppelgänger auf die Bühne schickte und selbst lieber im Publikum chillte. Und wenn dieses nur schwer fassbare Phänomen dann doch irgendwo überraschend auftauchte, war der Effekt umso größer… wie bei dieser Live-Performance von De La Souls Track Rock Co.Kane Flow auf NBC, als Feature-Gast DOOM plötzlich um die Ecke steppte. Ich liebe dieses Video.

Der Tod MF DOOMs hat mich ähnlich hart getroffen wie der Tod von Sean Price 2015. Ich bin ein riesiger Fan der beiden, nicht nur wegen ihrer Musik. Beide hatten sich nach einer Phase der Abwesenheit neu erfunden, beide zogen anschließend jahrelang vollkommen unbeeindruckt von der alles zersetzenden Industrie ihr Ding durch. Beide wurden zu nicht wegzudenkenden Säulen des Untergrunds der 2000er Jahre, die so manchem desillusionierten Rap-Hörer die Hoffnung zurückgaben. Und beide starben viel zu früh. Ein Video, an das ich seit der Nachricht von DOOMs Tod krass oft denken musste, ist ein Clip von 2015, in dem er in einem Boot vor Kuba kreuzt und sich von Sean P verabschiedet, der einige Tage zuvor gestorben war. Rest in Peace to the good brother Sean Price. You made it home brother, see you over there, you know what I mean… I’ll meet you over there.

Safe travels, Daniel Dumile.

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