Nur ein toter Rapper ist ein Gangsta Rapper? Rap und Presse 2013

Da der Großteil der Leser dieses Blogs ohnehin gerade mit den Enkelkindern den Sommerurlaub genießt, kann ich genauso gut meinen wertvollen Beitrag zur aktuellen Sommerloch-Debatte in Sachen Stress ohne Grund leisten. Allerdings möchte ich mich nicht zur völlig überzogenen Diskussion selbst äußern. Auf welche Weise viele Autoren versuchen, den Lesern ihre Meinung zum Thema näherzubringen, spielt ebenfalls keine Rolle – Unterschiede im Von-oben-herab gibt es kaum, subjektives Empfinden wird als Objektivität verkauft, man kennt das. Aber anstatt sich auf Polemik und unbeholfene Begrifflichkeiten wie „Rüpel-Rap“ zu konzentrieren, meinen einige Schreiberlinge, über die Geschichte des Rap schwadronieren zu müssen. Und spätestens da wird es immer unangenehm. Ausnahmslos. Auch in der Wochenzeitung Die Zeit – konkret in einem völlig missratenen Artikel namens Bushido: Der Vollkaskogangster.

Dort wird klargestellt, dass Shindy und Bushido Null Ahnung hätten von dieser Thematik namens Gangsta Rap. Gleichzeitig suggeriert der Autor Jan Freitag, er hätte entsprechende Ahnung. Und selten hat man jemanden so erbärmlich scheitern sehen, der einen vermeintlichen Wissensvorsprung unter Beweis stellen wollte. Gangsta Rap hätte seit NWA und Run DMC eine Funktion, die weit übers Schiefhalten polierter Handfeuerwaffen hinausgeht – liest sich, als hätten Run DMC etwas mit Gangsta Rap zu tun, interessant. Eventuell ja auch ein Missverständnis, das der kruden Formulierung geschuldet ist. Schlichtweg blödsinnig wird es dann aber mit dem Satz

Viele Krieger der ersten Stunde von Notorious B.I.G. über 2Pac Shakur bis hin zu drei der fünf Crossover-Rappern von Bodycount haben diesen Weg mit dem Leben bezahlt, statt ihn bloß im Künstlernamen zu führen.Jan Freitag

Notorious B.I.G. und 2Pac als Krieger der ersten Stunde … plakativ, aber naja, wenn es sein muss… Die Zeilen über die drei Crossover-Rapper von Body Count sind jedoch nicht nur grammatikalisch fragwürdig, sondern vor allem faktisch dummes Zeug. Der einzige Rapper bei BC war Ice-T. Bassist Mooseman wurde bei einem Drive-By erschossen – er war jedoch nicht das Ziel und starb als Unbeteiligter im Kugelhagel. Gitarrist D-Roc und Drummer Beatmaster V sind hingegen an Krebs gestorben (Quelle, Quelle). Welchen Weg haben diese Männer mit dem Leben bezahlt? Den des Kriegers? Den des Gangsta Rap? Wo ist der Zusammenhang, Mann? Selten so eine Scheiße gelesen. Zählt Run DMC deswegen auch zum Genre, weil Jam Master Jay von einer tödlichen Kugel getroffen wurde? Oder ist jeder tote Rapper eigentlich ein Gangsta Rapper?

Mir ist es wirklich völlig egal, wer über was schreibt und welche Meinung er dabei vertritt. Rap (auf Deutsch) erregt die Gemüter, aktuelle Debatten werden in den Medien ausgefochten, alles kein Thema. Aber wenn der Großteil der Leser keine Ahnung von der Materie hat, dann ist das kein Grund, derart schlampig zu recherchieren (eher im Gegenteil) und dann auch noch so zu tun, als könnte man irgendjemandem irgendetwas erklären.

Scheinbar ist es auch 2013 noch sehr schwer für Außenstehende, die Hip Hop Kultur als solche ernst zu nehmen – weil sie schlicht und einfach immer noch nichts davon begreifen. Das gilt für Rap und seine Sprache genau so wie beispielsweise für Graffiti, wo die bunten Bilder ja total schön sind, aber diese schmierenden Tagger alle ins Gefängnis gehören. Trotzdem reitet man auf einem hohen Ross und bewaffnet mit einer arroganten Selbstsicherheit in jede Diskussion ein, dass einem beim Lesen schlecht wird.

Auch in den 90ern hat man haufenweise schlecht recherchierten Müll lesen müssen. Dass man damals nicht einfach online auf jede beliebige Information zugreifen konnte, ist eine schwache Entschuldigung. Aber heute ist das Zusammentragen von Fakten echt kein Ding mehr. Oft wird kritisiert, dass die Journalisten heutzutage vornehmlich Wikipedia als Recherchetool nutzen würden. Doch nicht mal dafür war Zeit bei der Zeit, denn hätte der Autor beispielsweise den Body-Count-Artikel gelesen, dann wären uns zumindest einige seiner peinlichen Zeilen erspart geblieben.

7 Gedanken zu “Nur ein toter Rapper ist ein Gangsta Rapper? Rap und Presse 2013

  1. „Scheinbar ist es auch 2013 noch sehr schwer für Außenstehende, die Hip Hop Kultur als solche ernst zu nehmen – weil sie schlicht und einfach immer noch nichts davon begreifen“

    Word! Super Artikel, danke!

  2. Guter Artikel!

    Jam Master Jay von RUN DMC hat als Hardcore-Rap-Pionier unter anderem Onyx produziert, die ja auch ein aggressives Image hatten und gerne mit Knarren posierten. Vielleicht hat Jan Freitag darüber eine Verbindung zum Gangsterrap hergestellt – allerdings etwas vage.

    Was Bodycount anbelangt, so hat die Band ihre Version von Crossover gemacht, aus meiner Einschätzung mit den Haupteinflüssen Hardcore (Punk), (Alternative/Hard) Rock und (Heavy/Thrash) Metal sowie weiteren Einflüssen wie Bluesrock und vielleicht noch Funk ganz am Rande, aber wirklich gerappt wurde da nicht, auch wenn der hiphopsozialisierte Sänger eher zu Sprechgesang und Shouts als zu melodischem Gesang gegriffen hat, was im Hardcore seinerzeit allerdings alles andere als unüblich war. Es war eben ein anderes Projekt von Tracy Marrow, der sonst als Ice-T seinen Rap produziert hat und dafür bekannt geworden war. Dass die Band immer wieder als „Rap-Rock“ tituliert wird, wird daraus erklärbar, ist aber streng genommen falsch – mindestens aber eine arg einseitige Verengung ihres Stils auf einen Begriff, der dabei auch noch sehr weit gedehnt wird.

    Dass dieses Missverständnis weitverbreitet ist, und dass auch ein Journalist, der sich thematisch in erster Linie mit Bushido beschäftigt und nur am Rande darüberhinaus wirklich in die Tiefe gehend recherchiert, sofern und nur so weit wie er es für seine Story eben relevant hält, und dann im Detail vielleicht auch einmal etwas unscharf daherschreibt, ist die eine Sache und als solche auch verständlich.

    Sich auf der anderen Seite aber nicht die Mühe zu machen, am Rande aufgeschnapptes mit Formulierungen wie „gilt als“ zu relativieren, sondern sich vom rhetorischen Gestus her als musikhistorischer Experte mit einer Aura des Fachwissens zu umgeben und DANN so einen oben zitierten Quatsch abzusondern, eine gänzlich andere.

    Da nähert sich meine Geduld einer Grenze, und spätestens dann, wenn vermeintliche Fakten nicht abgesichert wurden, die Grundlage einer im Brustton der Überzeugung dargebotenen Interpretation sind, welche der Hauptargumentation(!) des Artikels dienen soll, ist diese Grenze überschritten.

    Das ist billige Polemik auf wackliger Basis – damit tut man der Aussage (selbst wenn sie von der Tendenz her tragfähig wäre) keinen Gefallen. Vor allem aber ist es kein guter Journalismus.

  3. Richtig. Sehe ich auch so. Die Wichtigkeit echt von falsch herauszustellen, das muss sein. Das ist dir gelungen im Beitrag und war in jedem Fall notwendig, no doubt. Ich finde früher war eh alles stimmig und bis zum Bruch mit der golden age – Zeit, nach 1997 alles übel dope !
    Das Jahr 1997 als Bruchlinie kann man mir korrigieren, habe ich kein Problem damit.
    Wenn ich mir Rakims „18th Letter“ anhöre, made 1998, liege ich natürlich nicht ganz richtig. Wenn ich aber amerikanischen Rap bis 1996 als golden age zementiere, dann liege ich damit mit vielen Expertenmeinungen richtig.

    Gangsta-Rap finde ich auch noch sehr unklar definiert. Hey, es gibt auch keine feste Expertise darüber, schließlich gab es Urheber des Stils sowohl in der Eastcoast als auch Westcoast. Wenn ich mir Kool G Rap & Dj Polo als Beispiele darlege, war das u.a. Gangsta-Rap aus New York. Hardcore-Rap auch.

    Und das hier ist Pflicht, kein Gangsta-Rap, aber typischer golden-age-Sound.

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