Feinkost Paranoia, „Der Wolf in dir“ und die DeutschRap-Geister, die ich rief

Können wirklich nichts dafür: Feinkost Paranoia

Ich habe eigentlich immer gedacht, so ziemlich jeden Track von Feinkost Paranoia aus der Zeit von Dorn im Dritten Auge (1998) und Biofeedback (1999) zu kennen. Bis ich eines Tages, schon in der YouTube-Ära angekommen, über Der Wolf in dir stolperte, einen typischen FKP-Knaller mit einem perfekten Beat und Dialekt-gespickten Zeilen, wie sie nur die berüchtigten Münchner bringen konnten… „riecht nach Eau-de-Opfer der Arme“ oder „Sonnenuntergang, Nase frisch für die Abfahrt“ oder natürlich „die Ladies auf Bacardi Cola, für die Harten Obstler“ – alles höchst zitierfähiges Material, wenn man spät nachts mit dem Augustiner in der Hand an der Tanke steht.

Achtung: Ab hier nimmt die Geschichte eine unschöne Wendung, und wer nur wegen FKP hier ist, der hört am besten jetzt und hier auf zu lesen und drückt lieber nochmal Play beim obigen Track.

Die große Frage war: Woher stammt dieser Track? Für ein Demo war die Qualität zu sauber, eine Single gab es auch nicht. Die Antwort lieferte wie so oft Discogs: Das Ding war anscheinend ausschließlich auf einer Compilation zu finden, einem Sampler namens Lass das! – Gegen Gewalt in der Schule (1998). Das ist nicht so abwegig, wie es vielleicht scheint. Zwar waren FKP in ihren Texten alles außer zimperlich, Der Wolf in dir ist auch nicht der klassische Anti-Gewalt-Track. An einer klaren Message fehlt es aber nicht: Bau‘ Scheiße, lande vor dem Richter, trag‘ die Konsequenzen.

Das Problem war also nicht der (gute) Zweck des Samplers oder der Feinkost-Track, das Problem war der traurige Rest der Sprechgesangskünstler auf dieser Compilation. Denn hier hatte sich der Mainstream-Mob zusammengerottet, eine aus der VIVA-Tagesrotation ausgebrochene Bande talent- und seelenloser One-Hit-Wonder, alle anscheinend mit dem geheimen Auftrag ausgestattet, Schande über Rap zu bringen. Und alle mit Major-Label im Rücken, weil jetzt auch die dortigen A&Rs aufgewacht waren und erkannt hatten, dass Rap auf Deutsch sich tatsächlich verkaufen lässt… wenn man ihn so weit runterbricht, dass auch der letzte Vollhorst was damit anfangen kann.

Das Cover, auch gut als Warnung für potenzielle Käufer geeignet

Was mit der Suche nach der Herkunft eines dopen FKP-Tracks begann, hatte sich schlagartig zu einem Alptraum entwickelt. Ich hatte Jahre gebraucht, um Namen wie Basis, Alina und Spektacoolär aus meinem Gedächtnis zu tilgen. Jetzt waren sie wieder da, als wollten sie sich rächen. Ohrwürmer vom Kaliber sie ist meine Schwester und trägt ein Messer (Spektacoolär) oder Wenn ich nur noch einen wenn ich nur noch einen Tag… zu Leben hätt‘ (Basis) oder Sei dein eigener Held, mach nur das was dir gefällt (Der Wolf), das vertonte posttraumatische Stress-Syndrom jedes Rap-Fans, der damals im finstersten 90er-Mittelalter den Fehler beging, VIVA auch dann laufen zu lassen, wenn Freestyle nicht auf Sendung war.

Auf dem Lass dass!-Sampler waren sie alle versammelt, inklusive einiger anderer Namen, die ich weder kenne noch kennenlernen wollte (was zur Hölle ist eine „Fünfhaus Posse“?). Was die ebenfalls vertretenen Cora E und DCS hier zu suchen hatten, muss man wahrscheinlich ihre Plattenfirmen fragen – freuen konnten sich hingegen Fanta 4 oder die Jazzkantine, die in dieser Gesellschaft plötzlich aussahen wie ernstzunehmende Rap-Crews. Aber ausgerechnet die jegliche Pop-Ambitionen verabscheuenden Feinkost Paranoia auf diese Compilation zu packen, noch dazu mit einem Exclusive, wirkt auch 20 Jahre später noch reichlich absurd. Nicht, dass groteske Entscheidungen bei solchen Projekten eine Seltenheit gewesen wären… ich erinnere mich noch an die Deiner Tracks-Sampler, die zwar über eine durchaus vernünftige Trackauswahl verfügten, dafür aber allen Ernstes von Hip Hops Graffiti-buffendem Erzfeind Deutsche Bahn gesponsert wurde, inklusive DB-Logo auf dem Cover. Vermutlich haben sich da ein paar subversive Elemente in der Marketing-Abteilung ordentlich ins Fäustchen gelacht, wer weiß…

Bleibt zu hoffen, dass FKP irgendeine Art von Erfolg aus der Nummer ziehen konnten. Ich jedenfalls musste mich in Rap-Therapie begeben und mir Dorn Im Dritten Auge mehrmals bis zum Anschlag aufgedreht über Kopfhörer als Selbstmedikation anhören, bis sich der letzte Ohrwurm-Zombie von Deutschlands Pop-Rap-Schrott-Elite seinen verdienten Kopfschuss abgeholt hatte. Ich hoffe, sie kommen niemals zurück.