Sind Rapper heute wirklich depressiver als früher? (Kommentar zum JUICE-Artikel „Rap & Depression“)

Ich bin gestern über einen All-Good-Podcast gestolpert, in dem sich Moderator Jan Wehn und der Journalist Jan Kawelke über das Thema Rap und Depressionen austauschen. Letzterer hatte bereits im April einen Artikel namens Rap & Depression: Endlich kein Tabuthema mehr für die JUICE geschrieben, dessen Inhalt sich in aller Kürze folgendermaßen zusammenfassen lässt: mentale Erkrankungen wie Depression seien in der schwarzen Community und gerade in der von Machotum und Wettbewerb geprägten Rap-Welt lange Zeit tabuisiert gewesen und totgeschwiegen worden, denn – Zitat:

„(…) ein Rapper fürchtet nichts – schon gar nicht die eigenen Gedanken.

Aktuell entwickele sich jedoch eine gegenläufige Tendenz – Rapper wie Kendrick Lamar, Future, Earl Sweatshirt oder Kid Cudi würden das Tabuthema mit ihrer Musik endlich ans Licht zerren und damit eine öffentliche Diskussion anstoßen. Im Intro zum Artikel wird auch ein sehr guter und bekannter Track aus den 90ern genannt, der Depression und Selbstmordgedanken schon damals offen zur Sprache brachte: Suicidal Thoughts von The Notorious B.I.G. – das letzte Stück auf dessen Debüt Ready To Die, dafür aber das erste seiner Art, meint Jan Kawelke:

‚Suicidal Thoughts‘ jedoch war anders – auch wenn der Song keine öffentliche Debatte über Depressionen und Selbstmord anschob. Aber zum ersten Mal redete ein Rapper über seinen Todeswunsch.

Und weiter:

Selbstzweifel und Suizid gehörten damals nicht zum gängigen Narrativ des New Yorker Rappers. Überhaupt gehörte es nicht zum Textkatalog der MCs bis dato. Rapper waren starke, selbstsichere, hypermaskuline Typen. (…) Schwächen existieren nur bei den Anderen, als Rapmunition für Demütigungen und Disstracks.“

Es ist sicherlich gut, dass ein Artikel zu diesem Thema in der immer noch größten Hip-Hop-Zeitschrift hierzulande erscheint. Aber dass Biggie der erste war, der als „Rapper über seinen Todeswunsch“ redete, ist schlicht und ergreifend falsch. Dass die gesamte Thematik „nicht zum Textkatalog der MCs bis dato“ zählte, stimmt ebenfalls nicht. Stattdessen hat sich die Auseinandersetzung mit mentalen Problemen im Allgemeinen und Depression im Speziellen in den 90ern und danach durch die Texte verschiedenster Rap-Künstler gezogen wie der berühmte rote Faden, sowohl vor als auch nach Biggies lyrischen Selbstmordgedanken. Denn selbst die Musik der Härtesten unter den Harten war sehr viel facettenreicher, als es ihnen heute im Nachgang zugestanden wird.

Von Bushwick Bill bis 2Pac: Texte über Depression gibt es seit 25 Jahren

Ich ratter einfach mal einige Beispiele runter, die mir ad hoc zu „Rap & Depression“ einfallen: Ever So Clear von Bushwick Bill natürlich, die legendäre, nicht erfundene Story seiner eigenen Selbstmordmission, die im Verlust eines Augenlichts gipfelte und die er bereits 1992 auf seinem Album Little Big Man erzählte. Oder der bekannteste Track von Bushwicks Crew The Geto BoysMy Mind Is Playing Tricks On Me, der sich mit Depression und Paranoia auseinandersetzt. Und dann ist da noch I Just Wanna Die vom Geto-Boys-Album The Resurrection (1996), ein ziemlich selbsterklärender Titel. Die Texte von 2Pac ließen kaum einen Zweifel daran, wie zerrissen der Mann wirklich war. Zu seinem Album Me Against The World (1995) sagte er einst „I get to tell my innermost, darkest secrets. I tell my own personal problems.“, der Track So Many Tears verdeutlicht das exemplarisch. Auch Esham und Natas (Fuck Da World) aus Detroit, Insane Poetry aus Los Angeles, Necro, Non Phixion, Brotha Lynch Hung (der z.B. mit Tried To Shoot von 2003 in die selbe Kerbe schlug wie einst Biggie), Onyx – all diese Künstler haben sich in ihren Texten mit Depressionen, Angst und anderen negativen Emotionen auseinandergesetzt und – wenn man so will – Schwächen offenbart.

Nicht nur das, viele von ihnen haben ihre depressive Erkrankung sogar in Interviews öffentlich gemacht. Kool Keith war in den 90ern in Behandlung wegen manischer Depression. Scarface von den Geto Boys berichtete unter anderem in seiner Autobiographie Diary Of A Madman von seinem Kampf mit der Krankheit. Cage Kennylz widmete der geschlossenen Psychiatrie, in der er als Teenager eingewiesen war, den Track Stoney Lodge auf seiner ersten Solo-LP Movies For The Blind (2002). In Interviews erzählte er gerne, im Gegensatz zu anderen Rappern, die nur vorgeben, verrückt zu sein, sei er es tatsächlich. DMX thematisierte wiederholt seine bipolare Störung und bezeichnet sich immer mal wieder als manisch-depressiv. Auch Vinnie Paz von den Jedi Mind Tricks räumt ein, mit seinen inneren Dämonen im Dauerclinch zu liegen – er nahm mit Before The Great Collapse (2004) sogar einen Abschiedsbrief an seine Mutter als Track auf. Einen ähnlichen Ansatz verfolgte Sticky Fingaz von Onyx mit Suicide Letter (2003).

„Ein Rapper fürchtet nichts – schon gar nicht die eigenen Gedanken.“… Wirklich? Ich habe eher den Eindruck, die eigenen Gedanken sind manchmal das einzige, was er fürchtet. Die Theorie vom „hypermaskulinen“ Rapper, der Schwächen nur bei anderen sucht, ist oftmals nicht mehr als ein einfaches Klischee. Dass solche Schwächen dann gegebenenfalls aufgegriffen werden, um einen Kontrahenten bloßzustellen, steht auf einem anderen Blatt – ein Beispiel ist 2Pac, der selbst sicherlich genug Angriffsfläche bot, sich in Hit’Em Up aber über die Sichelzellenanämie von Prodigy (Mobb Deep) lustig machte.

Für mich als Hörer jedenfalls stellte sich die Situation schon recht früh so dar, dass das Straßenleben in den Ghettos der USA Stress pur bedeutet und überdurchschnittlich häufig zu mentalen Krisen wie (manischer) Depression führen kann. Eine Tabuisierung dieses Aspekts konnte ich in der Musik nie erkennen. Im Gegenteil, ich würde sogar soweit gehen, zu sagen, dass Rap lange Zeit die einzige Musikrichtung war, in der sich Künstler mit derartigen Problemen auf einer persönlichen Ebene beschäftigten – sei es jetzt aus der Ich-Perspektive oder in der Form des klassischen Storytellings (wobei man sich bei einigen dieser Storys durchaus fragen kann, ob sie sich nicht auch aus eigener Erfahrung speisten – mal abgesehen von den Songs aus dem Blickwinkel schizophrener Mörder, wie sie vornehmlich in Texas zum guten Ton gehörten).

Wen interessiert schon ein Rapper mit Depressionen?

Dass Rap damals keine entsprechenden Denkanstöße für eine öffentliche Diskussion über den geistig-emotionalen Zustand junger Leute lieferte, lag daran, dass man ihn nicht ließ. Rap war früher nicht annähernd so akzeptiert wie jetzt. Wenn heutzutage sogar Barack Obama als US-Präsident Kendrick Lamar als seinen Lieblingsrapper bezeichnet, dann ist es kein Wunder, dass dessen Texte problemlos eine Diskussion anstoßen können. Wenn Rap damals in der Berichterstattung auftauchte, dann ausschließlich im negativen Kontext, siehe die Gangster-Rap-Hysterie der 90er Jahre. Den Medien war es gelinde gesagt scheißegal, ob ein Rapper über Depressionen, sein Lieblingsessen oder seine Großmutter erzählte, sie waren zu sehr damit beschäftigt, Schimpfwörter in den Texten zu zählen und Rap für jeden gewaltsamen Tod auf Gottes grüner Erde verantwortlich zu machen. Heute haben sich die Medien lange an dieses Sprachrohr der Jugend gewöhnt, statt auf die Ausdrucksweise achtet man nun auf Inhalte und tut sein Möglichstes, sich kompetent dazu zu äußern.

Zurück zum Artikel in der JUICE: Ich denke, was dort als „eine Szene im Wandel“ bezeichnet wird, ist in Wirklichkeit nur die Konsequenz aus einer sich wandelnden Zeit. Wenn ich mir die im JUICE-Beitrag angesprochenen Tracks der aktuellen Rap-Garde anhöre, dann klingen die natürlich anders als früher. Ein Song wie u von Kendrick Lamar wäre damals genau so undenkbar gewesen wie Bushwicks Ever So Clear in 2017. Trotzdem ist klar: Depression und psychische Probleme waren auch in den letzten 25 Jahren schon Teil der Rap-Welt. Alles, was sich geändert hat, ist die Wahrnehmung sowie die Art und Weise, wie darüber gesprochen wird.

2 Gedanken zu “Sind Rapper heute wirklich depressiver als früher? (Kommentar zum JUICE-Artikel „Rap & Depression“)

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